Bluesland

(1992 - 1995)
Freddy Langer | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Frankfurt | Germany

Why do bad things happen to good people?

Auf der letzten Seite seines Bildbands bedankt sich der Fotograf Reto Camenisch bei seinem Verlag, bei einigen Sponsoren, bei allerhand Freunden - und bei Walter Liniger, dem er wohl eher zufällig in Columbia, South Carolina, begegnet ist. Gleich bei seinem ersten Besuch in Amerika habe er Camenisch alle Illusionen und Hoffnungen auf eine bessere Welt genommen mit der Frage: „Why do bad things hap- pen to good people?“ Gleichsam wie ein nachgetragenes Programm steht sie nun über der gesamten Arbeit.„

Bluesland“ nennt der Schweizer Fotojournalist und -künstler sein Buch. Etliche Male hat er dafür seit 1992 die Städte und Landschaften des Mississippi besucht. Um das glanzvolle Abbild der Region war es ihm allenfalls am Anfang zu tun, als er noch nach bildgewordenen Klischees einer süß-bitter-traurigen Musik, aber auch der tragisch-heiteren Abenteuer der beiden Romanhelden Tom Sawyer und Huck Finn suchte. Sehr schnell jedoch begriff er, wie dem Vorwort zu entnehmen ist, daß er „keine Schönheit, kein Idyll“ finden würde. Das Land war karg und eintönig, die Menschen im besten Fall zurückhaltend und mißtrauisch. Die Spurensuche der Reise warf ihn deshalb immer nur auf ihn selbst zurück. Vielleicht blieb er deshalb nie länger als ein paar Tage, wollte jeweils früher weg als ursprünglich geplant, und kam doch schon bald wieder zurück. ,Weshalb widerfahren guten Menschen schreckliche Dinge?“ Diese Frage hatte ihn schon lange vor der Fahrt beschäftigt, seit mehr als dreißig Jahren, als sein Vater bei einem Jagdunfall in den Schweizer Bergen ums Leben kam. Reto Camenisch war damals noch ein Kind.

„Bluesland“ ist nicht in erster Linie die Suche nach dem Wesen eines Landes. Es ist die Suche nach einem Ort, der mit Heimat nur sehr vage beschrieben ist, ein Ort, von dem man hofft, daß sich dort Sehnsüchte erfüllten. Folgerichtig beginnt das Buch mit Aufnahmen aus der Schweiz, der unmittelbaren Umgebung des Fotografen: mit Interieurs in den Häusern von Verwandten, mit der kopfsteingepflasterten Gasse eines kleinen Ortes, dem Pfad über eine Alm - und dem Pfeil auf der Startbahn eines Militärflughafens, der in die Ferne zeigt. Wo gehört man hin, fragt Camenisch mit jeder seiner Fotografien. Wie richtet man sich ein? Und: Weshalb bleibt man, allen Widrigkeiten zum Trotz? Blues, wie ihn Reto Camenisch versteht, ist Trübsinn, Schwermut, Wehmut, vorgetragen im langsamen Tempo, die Tongebung ist instabil, „dirty“ heißt der Fachterminus. In düsteren, kontrastschwachen Schwarzweißbildern fand er die optische Entsprechung. Dem Text- muster des Blues, dem „Call and Response“, dem Wechselspiel von Anrufung und Antwort, das ein und denselben Sachverhalt zunächst eine zeitlang variiert, bevor die Pointe folgt, fügt sich im Buch die Reihung der Bilder von immergleichen, heruntergekommenen Bars, von verwaisten Stadtvierteln, öden Landstrichen - und Porträts der Bewohner jener geisterhaften Welt.

Der Regen hat die Glücksversprechen der Werbung von den Fassaden gewaschen. Der weiße Lack pellt sich von den Holzwändeneiner Kirche. „Our Place“ steht in schwungvoller Typographie über dem Eingang eines Ladens, vielleicht auch einer Bar - oder war es ein Schönheitssalon? Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, das obere Geschoß ist rußverschmiert von einem Brand, der Dachstuhl einge- stürzt. Dazwischen Fotos von Menschen: Musiker auf der Straße, ohne Zuhörer. Ein Waffenhändler hinter dem Ladentisch, ohne Kunden. Ein Leichenbestatter vor seinem Geschäft. Noch einmal: Wo gehört man hin?

Tröstet der Blues? Oder ist er ein Wehklagen? Sind diese Bilder eine Klage? Oder spenden sie Trost durch die Erkenntnis, daß wenigs- tens die perfekte Komposition so etwas wie ein stimmiges Gefüge schafft, daß ihr es gelingt, selbst in einer Welt, die auseinanderfällt, eine Struktur zu offenbaren, die flüstert, alles habe seine Ordnung? „Bluesland“ ist ein bewegendes Buch. Es läßt sich kaum betrachten, ohne an Walker Evans zu denken, der während der Depression-Zeit der dreißiger Jahre in den ländlichen Gebieten des amerikanischen Südens nach einem Gefühl von Stolz suchte, stark genug, um den schrecklichen Auswirkungen der Dürrekatastrophen und der Wirtschaftskrise
zu trotzen. Reto Camenisch steht auch in der Tradition eines anderen Schweizer Fotojournalisten und -künstlers, Robert Frank, der in den fünfziger Jahren Amerika geradezu aggressiv als eine Welt der Einsamkeit, der Verlorenheit, auch Verlogenheit interpretierte - er freilich mit einer radikalen Schnappschußästhetik. Camenisch aber war weder heroisch noch zornig zugange. Seine Arbeit ist geprägt von Melan- cholie, von tiefer Traurigkeit. Wie Tränen wirken bei ihm die vielen Pfützen auf dem regennassen Asphalt.

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