Berge Pilger Orte

(2009 - 2010)
Beatrice von Matt, Publizistin, Zürich

Die Wahrheit der Landschaft

Fünfundzwanzig Jahre lang trug sich Reto Camenisch mit dem Gedanken, Nepal, Tibet und Nordindien / Ladakh zu bereisen. Zwischen März und November 2009 hat er den Plan wahrgemacht. Im Jahr zuvor, als seine Mutter starb, wusste er plötzlich, dass er nun aufbre- chen würde. Auf seiner Expedition lebte er einfach, schlief in billigen Hotels oder im Zelt, wanderte in langen Etappen auf grossen Höhen – beladen mit Stativ und Grossbildkamera. Von den neun Monaten war er deren drei zu Fuss unterwegs. So entstanden Bilder, die weit mehr sind als die Dokumentation einer exotischen Reise. Für uns, die wir sie betrachten, sind sie eine Aufforderung zu eigenem Aufbruch, zu Exkursionen ganz besonderer Art, auch in die Welt unserer Träume. Dort sind Ängste zu Hause und die Sehnsucht nach Klärung. Mit Camenischs Bildern betreten wir einen seelischen Bezirk, den wir sonst vor uns selber verschlossen halten.

Reto Camenisch öffnet ihn für sich selbst, aber da er ein Künstler ist, tut er es auch für andere. Einige Jahre zuvor hatte er die Langsam- keit entdeckt. Dies verwandelte seine Arbeit. Ein versierter Fotojournalist und Porträtist war er zuvor gewesen, jetzt sagt er, das Bild möge ihn finden. Er verzichtet auf den Schnappschuss und die schnelle Inszenierung. Er bedient auch keine zirkulierenden Vorstellungen, etwa die kollektive Bildphantasie des Grandiosen, die von asiatischen Gebirgslandschaften im Umlauf ist. Er erwartet nichts – er wartet. Dann kommt das Bild zu ihm.

Freilich wurde Camenisch auf seiner gefährlichen Fahrt kein „Teppichtibet“ ausgelegt, wie Else Lasker-Schüler es einst heraufbeschwor. Sein Tibet war harte Realität. Es verlangte ihm Kräfte ab, von denen er nicht wissen konnte, ob er sie besass. Er setzte sich aus, mit Haut und Haar und Hirn. Es gab wenig Wasser, man konnte sich kaum waschen; die Höhen von über 5000 Meter über Meer forderten den Kör- per heraus. Mehr als einmal wurde er krank. Allein wäre das nicht zu schaffen gewesen. Fabienne Bateza, die Lebenspartnerin, reiste mit.
ZYKLEN
Dieser Fotograf hat eine Wallfahrt unternommen, ohne genau zu wissen, zu welchem Gott, ohne es wissen zu wollen. Zu einer Übermacht der unverstellten Wirklichkeit jedenfalls, der Wahrheit. Den Bergen hat er sich seit geraumer Zeit schon gestellt. Jetzt, in Nepal, Tibet
und Ladakh, geschah dies in gesteigertem Mass. Nur um sie sollte es gehen. Darum hat er die Anstrengung nicht dokumentiert, die es kostete, die Gegenden um das Himalaya-Massiv zu durchqueren. Auf seinen Bildern fehlen deshalb auch fast immer die Wege. Gebirge sind für Camenisch Manifestationen des Absoluten. Die Mühen, die sie abverlangen, liess er eingehen in das geläuterte, von allem Zufall gereinigte Bild. Er deutet Berge auf eine Weise, die auch dem Betrachter viel abverlangt, die Energie der Demut und einer befremdeten, wenn nicht erschreckten Bewunderung. Die Bewährung vor einer Schönheit, die sich um den Menschen nicht kümmert.

Im sakralen Gespür für die Natur erinnert uns Camenisch an Schriftsteller wie Charles Ferdinand Ramuz oder auch Maurice Chappaz,
der sein Wallis als ein Hochtal Indiens bezeichnete. In der hymnischen Dichtung „Haute Route“ verschweigt Chappaz jedoch nicht, wie im waagrechten Schneesturm die Augen schmerzen, brennen, bluten. Er erwähnt, dass er den Rucksack schnallt, die Skier. Er schildert, wie es ihn hinauftreibt an die Hänge, über die Pässe. Camenischs Bilder hingegen setzen sich ab vom konkreten Verhalten im Gebirge. Der Künstler verzichtet radikal auf alles Erzählerische. Die Reportage, einst seine eigentliche Kunstform, ist ihm fremd geworden. Am Berg eliminiert er die Bewegung des Menschen, die Chappaz so genau verzeichnet. Camenischs Berge ragen ins Ewige. Es sind lotrechte Instanzen, unheimlich, dunkel, da und dort erhellt von einer verborgenen Sonne. Dramatische Veränderungen sind nur dort zu ahnen, wo bröckelnde Abstürze, schmale Gräben auf Erosion hinweisen, wo, wie auf dem Bild „Rong Valley“, Felsbrocken als Vorboten einer Steinflut vor dem Abgrund halt machen. Dies lässt dann an Fotos aus Camenischs Band „Zeit“ (2005) denken: etwa an „Vorderer Lohner“ und „Lohner“ im Berner Oberland.

Im vorliegenden Buch wird die Abteilung der schwarzweissen Gebirge wohltuend ergänzt durch einen Sektor, der den Menschen und Menschenspuren gilt. Diese erscheinen in den farblich subtil gestalteten Bildfolgen „Pilger“ und „Orte“. Doch auch hier ist wenig Bewegung auszumachen, dafür Ruhe und Ergebenheit in den Gesichtern. In zarten Blau- und Grautönen zeigen sich die kleinen Heiligtümer, welche Camenisch als „Orte“ bezeichnet. Keine grossartigen Tempelanlagen sind abgelichtet, sondern stille Zeichen auf den mühseligen Wegen der Läuterung. Armselig muten sie an, provisorisch fast, als ob der Mensch nicht ankäme gegen die Gewalt der Schöpfung.

Der Fotograf und Bergsteiger aus Bern verstand sich in Nepal und Tibet wohl selber als Pilger, als einer jedenfalls, der sich angesichts der Grösse der Landschaft als Person und als Künstler völlig zurücknimmt. Man weiss nie genau, von welchem Standort er blickt. Die persön- liche Perspektive ist ganz in die Komposition der Horizontlinien und Flächen eingegangen. Abschattiert in unterschiedlichen Dunkeltönen, sind so Bilder von kühner Schönheit entstanden. Diese inszenieren sich aber nicht als Kunstwerke, dagegen verwahrt sich Camenisch vehement. Die ästhetische Arbeit versteht er als Dienst an der Wahrheit.

Am Anfang aller seiner Gebirgsansichten dürfte jene Fotografie stehen, die er dem Band „Bluesland“ (1997) voranstellte: „Weissenberg, Glarus“. Als er sechs Jahre zählte, im September 1964, ist an jenem Berg sein Vater bei der Jagd tödlich verunglückt. Bei einem Gespräch im November 2010 meinte er, dass er sein Kindheitstrauma, den frühen Verlust des Vaters, heute wohl überwunden habe. Er sei jetzt zweiundfünfzig, selber Vater von erwachsenen Töchtern. Wenn man aber Kenntnis hat von dem Ereignis, kommt man nicht umhin, auf seinen Bildern auch so etwas wie eine Todeszone zu erblicken.

Man fühlt sich an Meinrad Inglins Erzählung „Die Furggel“ (1943) erinnert. Im Alter von fünfzig Jahren hat der Schriftsteller darin den Berg- tod seines eigenen Vaters verarbeitet. Inglin war elf Jahre alt, als sein Vater im August 1906 wegen eines Steinschlags am Tödi abstürzte. In der „Furggel“ macht er aus ihm einen Jäger, der im unverhofften Anblick von Gemsen zum Fernglas greift, auf dem schrägen Felsband ins Rutschen gerät und, „ausgerissenes Gras in den Fäusten“, lautlos in die Tiefe stürzt. Der nichts ahnende kleine Sohn, den der Mann – anders als in Inglins Biographie – auf die Tour mitgenommen und auf dem Furggelgrat hat warten lassen, schaut sich indessen um in der „gewaltigen Welt“, hochgestimmt wie ein „junger Erbprinz, der das väterliche Reich übernommen hat“. Dass er es wirklich übernommen hat, erfährt der verzweifelt wartende Bub erst im Morgengrauen des folgenden Tages. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Inglin über das Unglück schreiben konnte. Er tat es in der „Furggel“ und im Roman „Werner Amberg“. Auch Reto Camenisch hat Jahre gebraucht, bis er einzudringen wagte in die grossen Berglandschaften, die seit dem Band „Zeit“ (2005) seine bevorzugten Themen sind. Er habe erkannt, sagt er gesprächsweise, dass die Bedrohung, die vom Berg ausgehe, nicht sein Schicksal sei. So konnte er selber Bergsteiger werden, Kletterer. Mit der Erschöpfung komme die Ruhe, und er atme den Berg. Das sei ein spirituelles Erlebnis, die Landschaft werde für den, der sie erfahre, zu einem Resonanzkörper. Dass er es wirklich übernommen hat, erfährt der verzweifelt wartende Bub erst im Morgengrauen des folgenden Tages. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Inglin über das Unglück schreiben konnte. Er tat es in der „Furggel“ und im Roman „Werner Amberg“.

Auch Reto Camenisch hat Jahre gebraucht, bis er einzudringen wagte in die grossen Berglandschaften, die seit dem Band „Zeit“ (2005) seine bevorzugten Themen sind. Er habe erkannt, sagt er gesprächsweise, dass die Bedrohung, die vom Berg ausgehe, nicht sein Schicksal sei. So konnte er selber Bergsteiger werden, Kletterer. Mit der Erschöpfung komme die Ruhe, und er atme den Berg. Das sei ein spirituelles Erlebnis, die Landschaft werde für den, der sie erfahre, zu einem Resonanzkörper.

In drei Etappen hat er sich sein neues Gebiet er-fahren und erwandert. Die erste und zweite Route führte nach Nepal, zunächst zur Khumbu-Region um den Mt. Everest, dann von Simikot über Tuling und den Nara La Pass nach Hilsa und zum Grenzübertritt nach Tibet / China. Wichtige Stationen waren hier: Taklakot, der See Manasarowar, Darchen und Mt. Kailash, der heilige Berg der Hindus. Route drei galt Nordindien / Ladakh. Von Leh aus, Ladakhs hochgelegener kleiner Hauptstadt, gelangte er über den bis auf 5600 Meter ansteigenden Pass Khardung La ins Nubra Tal und ins Indus Tal. Von da ging’s wieder zurück nach Leh und dann ins Rong Tal und zum Tsomoririsee. Ortsnamen geben jedoch bloss ein Raster ab. Für die Bilder sind sie nicht entscheidend. Was den reisenden Fotografen politisch störte und empörte, gerade im brutal kontrollierten Tibet, ist unberücksichtigt geblieben. Motive des Zufälligen und Zeitbedingten fanden keinen Eingang ins Bild. Entscheidend waren die Einsamkeit der abschüssigen Felsen, die Verlorenheit, das verborgene Versprechen. Came- nisch liess sich stunden-, tagelang darauf ein, drückte den Auslöser erst, wenn das Licht stimmte, wenn er, wie er sagt, sich eins fühlte mit der Umgebung. In den gut zehn Jahren, da er sich mit dieser Art des Fotografierens beschäftigt, hat er zur Landschaft hin – ist sie nur leer genug – etwas wie eine durchlässige Membran entwickelt. Innen und aussen geben sich Antwort. So wie er das Bildermachen versteht, ist er auf steter Suche nach einem mystischen Augenblick, einem Nu, in dem sich Kategorien wie Raum und Zeit und aller zielgerichtete Wille verlieren.

Jede Aufnahme steht für sich. Der unverwechselbare Einzelmoment macht Front gegen die Reproduzierbarkeit, welche das Metier weithin bestimmt. Daher verbietet es sich bei diesem Fotografen, von Serien zu sprechen. Wohl aber sind Variationen von Themen auszu- machen. Solche des Vertikalen zunächst, wie sie uns schon im Buch „Zeit“ in Bann schlugen, damals etwa „Muriwai II, Neuseeland“. Dort schien den überhängenden Wänden nur ein Vogel gewachsen. Etwas mokant spähte ein Federvieh über den Rand hinaus, den Schlund unter ihm überwachend. Auf den asiatischen Bildern fehlen Tiere und weitgehend auch Pflanzen. Da liegt mal ein knorriger Ast, Flechten überziehen ein Gestein, selten stehen ein paar Bäume. Vieles ist oberhalb der Baumgrenze entstanden. Fotos wie „Nubra Tal“, „Hilsa Valley“ oder „Taboche“ mit dem spitzen Berg, der einem taumelnden Matterhorn gleicht, führen das Thema Senkrechte konsequent weiter. „Limi Tal“ heisst eine der seltenen Fotografien, auf denen Wege zu erkennen sind, ein Strässchen, das schwindelerregend um einen Hang herumführt. Sich auf solchen Trassees von Einheimischen chauffieren zu lassen, sei weit gefährlicher als zu Fuss unterwegs zu sein, erzählt Camenisch. Das Leben des Einzelnen gelte dort nicht viel.

Der Landschaft wird der alte Schrecken zurückgegeben. Schaut man freilich geduldig hin, beginnen die Abstürze zu leben. Die da und dort besonnten Kanten, die steilen schwarzen Furchen, die in malerischen Valeurs von Grautönen abgestuften Hänge lassen Bilder von einer ästhetischen Kraft entstehen, die mit Arrangieren niemals zu erkaufen wäre, die – über das handwerkliche Können hinaus – wohl wirklich nur mit Warten zu erreichen ist, dem Warten auf das richtige Bild. Ähnliches erreicht der Fotograf mit den Seen und Hochebenen im Tibet. Weit, ausgeräumt, entrückt wirken sie. Sie setzen dem Vertikalen eine magische Horizontale entgegen.

Ein neues, ein Hoffnungsmoment vermitteln die erstaunlichen Aufnahmen, auf denen der Mt. Kailash zu erkennen ist. Der Berg der Pilger wird nie frontal gezeigt. Camenisch lässt ihn hinter engen Tälern zwischen nächtigen Schotterhalden hervorblinken, schneeglänzend, hell wie eine Verheissung. Diese Bilder markieren den Kreuzungspunkt zwischen einer Unheils- und einer Heilsgeschichte. In der Form erin- nert der Mt. Kailash an die Berner Oberländer Pyramide des Niesen, wie wir sie von früheren Arbeiten des Fotografen kennen. Am Niesen hat er sich vor Jahren die Bergwelt erschlossen. Angesichts der Aufnahmen des Mt. Kailash erscheint jener nun wie dessen Präfiguration. Camenisch hat den heiligen Berg selbst umrundet. Doch er sei kein Hindu und auch kein Buddhist, betont er, er sei christlichen Grund- werten verpflichtet. Trotzdem: in jenen asiatischen Gegenden lerne man, dass die Welt grösser sei, als man uns glauben mache. Es sei übrigens weniger Tibet – dieses werde seit fünfzig Jahren zerstört – was einem eine solche Überzeugung vermittle, als vielmehr Ladakh, wo die tibetische Kultur noch einigermassen erhalten sei.

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